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Ich habe Krebs - das bedeutet aber nicht dass ich krank bin

Das ist mein Motto, mit dem ich zur Zeit mit meiner Situation lebe.

Ich schreibe diesen Blog in erster Linie für andere Betroffene. Um ihnen mitzuteilen, dass und wie ich mit Krebs trotz fortgeschrittenen Stadium ein gutes Leben führen kann. Inklusive Arbeit und Sport. Vielleicht hilft es jemanden ein wenig besser mit der schwierigen Situation umzugehen, in der wir uns befinden. Deshalb will ich mich bei meinen Ausführungen auf die Fortschritte, die Erfolgen und meine Strategien zur Bewältigung der Situation konzentrieren, die mir helfen trotz Krebs ein Leben so zu führen als ob ich nicht krank wäre.

Aber lasst mich von vorne beginnen. Bis zum Sommer 2016 ging es mir eigentlich recht gut. Ich machte eine jährlichen Gesundheits-Untersuchung beim Hausarzt und die Werte waren immer sehr gut. Auch die sogenannten Krebs-Marker. Also kein Grund mir Sorgen zu machen.
Mir ist aber seit ca. 2 Jahren beim Sport (Joggen, Bergsteigen) aufgefallen, dass meine körperliche Leistungsfähigkeit markant abnahm. Habe mich mit zu wenig Zeit für kontinuierliches Training und dem Älterwerden (werde jetzt 60) "abgefunden".
Im Sommer 2016 hatte ich als Symptom ein Druckgefühl im Oberbauch, besonders nach der Einnahme einer Mahlzeit. Nach einigen Abklärungen hat mich der Hausarzt dann zu einer Darmspiegelung angemeldet. Diese habe ich zunächst noch aufgeschoben - und bin dann Mitte September 2016 doch zur Untersuchung gegangen.
Das Ergebnis: Dickdarmkrebs im fortgeschrittenen Stadium mit Metastasen in der Leber - und zwar recht viele, in allen Bereichen der Leber.
Grosser Schock! Ich, der ich das ganze Leben nie richtig krank war, von Erkältungen abgesehen, immer leistungsfähig, immer stark - sollte jetzt an Krebs erkrankt sein. Im ersten Moment war nicht die Krankheit Krebs mein Problem, sondern eher der Umstand dass ICH betroffen bin. Dann kam die Phase der Trauer. Trauer, dass ich meine Pläne nicht umsetzen kann. Trauer, dass ich meine Enkelkinder nicht beim aufwachsen begleiten kann.

Was ich zum Glück nie hatte war Angst, Panik oder Wut.
Ich habe mich im Laufe der nächsten 2 Wochen dann damit abgefunden. Es kamen dann auch die verschiedenen Untersuchungen und Arzttermine auf mich zu. Wegen des fortgeschrittenen Stadiums bekam ich relativ schnell einen OP-Termin im Universitätsspital Zürich.

Die OP war am 11. Oktober 2016. Musste/durfte am Vortag im Spital eintreten. Konnte noch immer nicht fassen, dass ich jetzt eine OP vor mir haben sollte. Muss zugeben, dass ich vor der OP und vor allem vor der Narkose eine Art grosse Angst hatte. Habe diese als solche zwar verdrängt, aber der Gedanke, dass ich für mehrere Stunden jegliche Kontrolle über mich und meinen Körper abgeben muss, und danach mit Schmerzen und ziemlich hilflos aufwachen werden, hat mir schon sehr zugesetzt.
Ich habe mich dann entschieden, das Ganze als eine Art Abenteuer zu betrachten. Abenteuer haben ja die Eigenschaft, dass man den Ablauf nicht genau vorhersagen kann, dass es gefährlich ist und der Ausgang offen ist. Genau so wie einige meiner Bergtouren. Auch habe ich begonnen, meine Gefühle und Gedanken zu beobachten. Wende da eine Technik an, die ich bei der Vipassana Meditation gelernt habe.
Nun - die OP hat ca. 8 1/2 Stunden gedauert. Dabei wurde ein grosser Teil des Dickdarms mit dem Tumor entfernt. Habe sie recht gut überstanden. Trotzdem sind in der Folge Komplikationen (Infekte) aufgetreten die mich letztendlich 4 Wochen im Spital festgehalten haben.
In dieser Zeit ging es mir nicht gut. Habe ca. 20 kg Körpergewicht verloren. Hatte jetzt zwar mein Idealgewicht - aber die Umstände und die kurze Zeit waren schon heftig. Da ich praktisch nur im Bett lag, war ich am Ende dieser 4 Wochen so geschwächt, dass ich es kaum vom Bett zum Badezimmer (ungefähr 8 m) geschafft habe. Während dieser 4 Wochen im Spital habe ich mich nur auf die Genesung von der OP und das Überstehen der Komplikationen konzentriert. Alles was nachher kommt (Chemotherapie) habe ich zunächst völlig ausgeblendet.
So habe ich diese Zeit letztendlich erfolgreich überstanden.
Es ist mir hier wichtig anzumerken, dass ich die Betreuung im Unispital Zürich in bester Erinnerung habe. Sowohl das Ärzteteam wie auch die Pflegerinnen und Pfleger sind einfach Top. Menschlich, freundlich und immer für einen da. Hat mir sehr geholfen, die schwierige Zeit zu meistern.
Nachdem ich das Spital verlassen konnte, begann bereits 3 Tage später die Chemotherapie. Diese mache ich seither ambulant in einer in einer privaten Onkologie Praxis Zürich. Auch diese Ärztin und ihr Team sind einfach Top. Das fachliche kann ich natürlich nicht beurteilen, aber das menschliche und die Kommunikation. Und das ist wahrscheinlich genau so wichtig wie das andere. Denn hier entsteht das Vertrauen. Und daraus leitet sich die Hoffnung und Zuversicht ab. Natürlich kann und wird kein Arzt bei so einer Diagnose eine Aussage über Heilungserfolg und Rest Lebensdauer machen. Natürlich ist mir klar, dass meine Lebenszeit aus medizinisch wissenschaftlicher Sicht begrenzt ist. Gemäss Statistik mit ca. 3 Jahren ab jetzt. Ich weiss auch, dass das Therapieziel ein Stoppen des Tumor Wachstums und das möglichst lange Erhalten der Lebensqualität ist. Ich weiss, dass ich nicht erwarten kann, dass meine Tumore verschwinden werden. Und ich weiss, dass ich für den Rest meines Lebens immer wieder Chemotherapie erhalten werde.
Nachdem ich im Internet ein wenig über die verabreichten Medikamente der Chemotherapie recherchiert habe, kann ich auch schlussfolgern, dass ich wahrscheinlich nicht an den Tumoren sondern an Nebenwirkungen der Chemo sterben werden.
Damit habe ich mich abgefunden. Für mich steht jetzt die Lebensqualität im Vordergrund. UND DIESE IST BIS JETZT SEHR GUT.

Wie es mir bis jetzt geht:

1. Ich vertrage die Chemotherapie bis jetzt sehr gut. Das ist jetzt einfach grosses Glück das ich da habe und ich nehme es gerne an.
Kein einziges Mal Übelkeit oder Erbrechen. Kein Haarausfall oder sonstige schwerwiegende Einschränkungen. Aber natürlich kleinere Symptome die sich von der Lästigkeit her mit einem mittleren Schnupfen vergleichen lassen. Damit kann ich gut leben.

2. Psychische Verfassung
An dieser kann man arbeiten.
Als erstes habe ich die Krankheit relativ schnell angenommen.
Ich vermeide die Fragen: Warum ich, Warum jetzt, Warum diese Krankheit. Es gibt ja keine vernünftige Antwort, und vor allem würde eine solche die Situation auch nicht ändern.
Alles andere als annehmen würde viel Energie binden und sogar in eine negative Richtung lenken. Wir brauchen in unserer Situation aber Kraft, Zuversicht und Motivation. Und das geht nur mit "Gedankenhygiene"
also positives Denken und vermeiden von allen anderen Gedanken.
Das ist für viele Menschen nicht einfach so zu machen - ich habe auch hier das Glück, dass mir dies relativ leicht fällt. Natürlich habe auch ich Tage, an denen es mir nicht so gut geht. Ich werde dann von ganz grosser Traurigkeit überfallen. Diese ist nicht speziell auf etwas ausgerichtet - ich bin dann einfach nur zutiefst Traurig, so wie ich es bis anhin nicht erlebt habe. Da ziehe ich mich dann zurück und versuche mich so weit zu fassen, dass ich die eigene Trauer einfach nur beobachten kann. Irgendwann gelingt dies, und dann verschwindet sie so, wie sie gekommen ist.

3. Soziales Umfeld
Ich habe auch alle Bekannten informiert. Sie sollten wissen was los ist, zumal ich im Verlaufe der Krankheit Veränderungen erwartet habe die ohnehin nicht zu übersehen sind. Als sollten alle wissen was los ist und vor allem sollten alle wissen wie sie auf mich zugehen können. Und dazu müssen sie wissen wie ich selbst dazu stehe. Ich kann sagen, dass ich damit durchwegs positive Erfahrungen gemacht habe.

4. Familie
Auch hier habe ich das Glück, dass meine Frau und der Rest der Familie sehr stabile Persönlichkeiten sind. Wir haben alles besprochen, jeder weiss was los ist, und wir gehen bewusst damit um. Natürlich gab es da schwierige Momente. Zum Beispiel man sich hinsetzt und gemeinsam eine Liste erstellt mit allem was wichtig ist, wenn dann der Fall eingetreten ist, dass ich gestorben bin. Das ist dann schon eine Konfrontation der speziellen Art. Es scheint auch so zu sein, dass die Angehörigen einer grösseren psychischen Belastung ausgesetzt sind als wir betroffenen selbst. Wenn dies mal durchbricht, dann reden wir darüber. Und manchmal kann ich sie auch trösten.

5. Lebensaktivitäten
Am 7. Nov. 2016 kam ich aus dem Spital. Da war ich sehr schwach. Der Weg vom Bett zum Bad und zurück war eine echte körperliche Herausforderung. Ich habe aber vom ersten Tag an begonnen, 4 bis 5 "Ausflüge" pro Tag zu machen. Sprich das Bett verlassen und ein Stück zu gehen. Zuerst mal vor das Haus. Dann ein paar Meter mehr auf und ab. Bei jedem "Ausflug" eine kleine Steigerung. Nach 4 Wochen war ich bei 3 km. Mitte Dezember eine Wanderung auf eine Berghütte. Am 1. Januar dann auf den ersten Berggipfel auf knapp 2000 m Höhe.
Danach folgten Schneeschuh- und Schitouren. Höchster Berg bisher 2800 m und 5 Stunden Aufstieg mit anschliessender Abfahrt mit Schiern im Tiefschnee. Wenn es das Wetter und die Schneeverhältnisse zulassen, bin ich jetzt jedes Wochenende im Gebirge unterwegs. Ziel für 2017 ist mindestens einen 4000er zu besteigen. Mal sehen...

Bin auch wieder zu 100% arbeitsfähig. Habe mich selbst dazu erklärt und es geht auch ganz gut. Bin leitender Angestellter und habe zuvor eher als Workoholic agiert (also in der Gegend von 150%). Jetzt müssen 100 % ausreichen. Viel mehr geht nicht. Werde schneller müde und bin dann auch nicht mehr sehr belastbar. Habe aber in der Firma ein sehr gutes Umfeld, und so geht auch das. Es ist eher so, das ich ein Problem damit habe, dass ich nicht mehr so leistungsfähig bin wie vorher. Das muss ich noch lernen.

Also der Text spiegelt es. Der Krebs ist natürlich ein massiver Einschnitt im Leben, der alles auf den Kopf gestellt hat. Alles was vorher selbstverständlich war, ist jetzt plötzlich gar nicht selbstverständlich und eine mit viel Aufwand und Energie zu erbringende Leistung.
Aber - in meinem Leben spielt der Weg zum nächsten Etappenziel die grosse Rolle. Ich motiviere mich über das Erreichen vom jeweils gesetzten Ziel, sei es beruflich, privat oder beim Sport.
Meine Behandlungstermine absolviere ich natürlich. Die Ärztin und Pflegerinnen sind mittlerweile gute Bekannte geworden und so laufen die Chemo Therapien in freundschaftlicher Atmosphäre ab. Auch das Einnehmen der Medikamente ist ein Ritual geworden.
So hat die eigentliche Krankheit in meiner Gedankenwelt einen sehr kleinen Platz. Es gelingt mir, stundenlang gar nicht an den Krebs zu denken. Und wenn, dann nur als eine Tatsache die halt jetzt da ist. Emotional kann ich den Zustand des "Nicht krank seins" meist tagelang aufrecht erhalten. Will heissen, dass ich mich in dieser Zeit einfach nicht krank fühle. Und dann bin ich es auch nicht.
Aber natürlich gibt es Auswirkungen im Verhalten. Ich lebe jetzt die Stunden mit Frau, Enkelkindern und Familie bewusster. Ich bin auch eher ungeduldig geworden, besonders wenn es um unproduktive Meetings, Gespräche etc. geht. Hier werde ich schon mal ungehalten und beende diese auch mal sehr schnell. Durchaus mit dem Hinweis, dass ich meine verbleibende Zeit nicht so vergeuden möchte.

Wie weiter:
Natürlich weiss ich, dass dieser Zustand mit dem Krankheitsverlauf jederzeit ändern kann. Den Zeitpunkt versuche ich so lange als möglich hinauszuschieben. Meine Ärzte wundern sich, wenn ich erzähle was ich so mache. Und alle haben mir unabhängig voneinander bestätigt, dass die positive Einstellung und die Motivation positiv mit dem Krebs umzugehen (fällt mir keine bessere Formulierung ein) die halbe Therapie ist. Und somit auch ein wesentlicher Grund, dass es mir so gut geht wie es eigentlich fast nicht sein kann.

Fürs erste eine sehr grobe Zusammenfassung meines bisherigen Krankheits-Abenteuers. Natürlich ist vieles oberflächlich oder gar nicht beschrieben worden. Werde ich je nach Interesse noch bei zukünftigen Blogs vertiefen.

26.3.17 03:10

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